KI im gemeinnützigen Sektor: Warum Technologie uns zwingt, menschlicher zu werden

Die Diskussion über Künstliche Intelligenz wird häufig zwischen Euphorie und Skepsis geführt. Für gemeinnützige Organisationen ist sie jedoch längst keine theoretische Zukunftsfrage mehr, sondern Teil des Alltags. Eine aktuelle Analyse von ZiviZ im Stifterverband zeigt: 73 % der ehren- und hauptamtlich Tätigen im gemeinnützigen Sektor nutzen bereits generative KI-Tools. Gleichzeitig verfügen nur 9 % der Organisationen über verbindliche Richtlinien zur KI-Nutzung; häufig erfolgt der Einsatz individuell und ohne strategische Einbettung (Kuhn et al. 2025: Individuell genutzt, aber strategisch vernachlässigt. Status quo und Handlungsbedarfe zu generativer KI im gemeinnützigen Sektor, ZiviZ im Stifterverband, Dezember 2025).

Diese Zahlen markieren einen Wendepunkt. Sie zeigen nicht nur eine hohe technologische Offenheit, sondern auch eine strukturelle Lücke. KI wird genutzt – aber vielerorts noch nicht gemeinsam verantwortet. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Denn gemeinnützige Organisationen unterscheiden sich von Unternehmen nicht primär durch ihre Tools, sondern durch ihre Legitimation: Sie arbeiten im öffentlichen Vertrauen.

Generative KI kann Texte formulieren, Kampagnenideen entwickeln, Bilder erzeugen und Daten auswerten. Gerade Organisationen mit begrenzten Ressourcen profitieren davon. Effizienzgewinne sind real und in vielen Bereichen sinnvoll. Doch gemeinnützige Arbeit zielt nicht in erster Linie auf Effizienz, sondern auf Wirkung. Und Wirkung entsteht im Zusammenspiel von Glaubwürdigkeit, Beziehung und Vertrauen.

Wenn Inhalte in Sekunden produziert werden können, verliert ihre bloße Existenz an Bedeutung. Wenn alle Organisationen sprachlich professionell auftreten, wird Professionalität kein Differenzierungsmerkmal mehr sein. Wenn Bilder emotionalisieren, ohne reale Bezüge zu haben, entsteht schnell der Eindruck von Austauschbarkeit. In einer Umgebung, in der nahezu alles generierbar ist, wird das Nicht-Generierbare wertvoller: Haltung, Authentizität und echte Beziehungspflege.

Genau hier zwingt KI zu einer strategischen Klärung. Nicht, weil sie per se problematisch wäre, sondern weil sie Standards verschiebt. Wer automatisierte Texte verschickt, muss sich bewusster fragen, wie persönliche Ansprache dennoch glaubwürdig bleibt. Wer KI-gestützte Inhalte nutzt, sollte transparenter kommunizieren, wie diese entstanden sind. Wer Prozesse beschleunigt, gewinnt Zeit – und steht vor der Entscheidung, wofür diese Zeit genutzt wird.

Die ZiviZ-Analyse macht deutlich, dass es weniger an Nutzung als an Einbettung fehlt. Und Einbettung bedeutet mehr als technische Kompetenz. Sie umfasst Verantwortungsfragen, Zuständigkeiten, Qualitätsstandards und eine gemeinsame Haltung im Umgang mit KI. Gerade im gemeinnützigen Kontext ist das entscheidend. Unterstützer:innen engagieren sich nicht für perfekt optimierte Textbausteine, sondern für glaubwürdige Anliegen und verlässliche Organisationen.

Zugleich wächst die gesellschaftliche Sensibilität für digitale Inhalte. Debatten über Desinformation, Deepfakes oder algorithmische Verzerrungen prägen die öffentliche Wahrnehmung. Mit dem europäischen AI Act entstehen zusätzliche regulatorische Rahmenbedingungen, die Transparenz und Risikobewertung stärker in den Fokus rücken. Für Organisationen, die auf langfristige Beziehungen angewiesen sind, ist Vertrauen damit nicht nur ein ethischer Wert, sondern eine strategische Ressource.

Menschlicher zu werden heißt in diesem Zusammenhang nicht, auf KI zu verzichten. Es heißt, ihre Rolle klar zu definieren. KI kann Routineaufgaben übernehmen, Recherche unterstützen und Prozesse effizienter machen. Sie kann entlasten. Doch sie darf Beziehung nicht ersetzen. Im Gegenteil: Wenn Standardkommunikation automatisiert wird, gewinnen persönliche Begegnungen, individuelle Rückmeldungen und authentische Geschichten an Bedeutung.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob KI eingesetzt wird. Die Frage lautet, wie ihr Einsatz die Art verändert, wie Organisationen Nähe, Verantwortung und Glaubwürdigkeit gestalten. Technologie schafft Möglichkeiten. Aber sie legt auch offen, wo Haltung fehlt. In einer Zeit, in der Inhalte beliebig reproduzierbar sind, entscheidet nicht die Geschwindigkeit der Produktion, sondern die Qualität der Beziehung.

Vielleicht liegt darin die größte Chance: Dass der Einsatz von KI Organisationen zwingt, bewusster über ihre Werte, ihre Kommunikation und ihre Beziehung zu Unterstützer:innen nachzudenken. Nicht trotz der Technologie – sondern gerade wegen ihr.

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